Allein das Haus gewinnt jedes Spiel
Part II of II on writing within and without the "Casino of Visibility"
*for English version, please scroll down*
Ich habe nicht den Wunsch, von meinem Newsletter zu leben oder daraus große Gewinne zu erzielen. Deshalb bleiben meine Posts kostenlos. Ich wünsche mir allerdings sehr, dass mehr Leute von meinen Texten erfahren. Wenn du mir dabei helfen willst, sie zu verbreiten, dann schick diesen Text an Freund*innen oder Feind*innen weiter - per Email, Messenger oder wie du magst. Danke!
Dies ist Teil II. Teil I findest du hier.
Ich selbst begann 2020 damit, mich von den Plattformen zurück zu ziehen. Unzufrieden war ich mit ihnen schon eine Weile, ihren Versprechen von beruflicher Vernetzung und politischem Austausch wurden sie längst nicht mehr gerecht. Meine mentale Gesundheit litt zunehmend, ich spürte Polarisierung und Konkurrenz und wusste nicht mehr, wie ich mich darin verorten sollte. Doch es dauerte viele Monate, bis ich nach der Löschung des einen Profils nicht wenig später bereits ein neues erstellte. Die fiese Sucht bäumte sich ein paar Mal auf, bis es mir gelang, ausgeloggt zu bleiben.
Für die Plattformen selbst ist es irrelevant, ob ihre Nutzung für den Menschen schädlich ist oder ob die dort veröffentlichten Inhalte inspirierend, zerstörerisch oder traumatisierend sind. Für sie zählt die Time on Device, also wie lange man sich täglich mit der Plattform beschäftigt. Aufmerksamkeit und Interaktion generieren ihren Profit. Wie im Casino ist es allein das Haus, das bei jedem Spiel gewinnt.
Diese Logik wirkt direkt in den Literaturbetrieb hinein, der über steigende Verkaufszahlen durch BookTok und ähnliche Formate staunt. Nun sollen Autor*innen nicht mehr nur ihre Bücher, Theaterstücke oder Lyrik verfassen. Es wird erwartet, dass sie darüberhinaus auf den Plattformen Reichweite generieren, Communities aufbauen, sich selbst als Brand platzieren. Auch aus Sicht einer Agentur, die ihre Autor*innen möglichst gut gegenüber den Verlagen und anderen Akteur*innen des Literaturbetriebs vertreten möchte, ist die Erwartung zu spüren.
“Verlage finden ein Manuskript attraktiver, wenn der*die Autor*in das Self-Marketing im Griff hat.”, sagt Alyssa Fenner. Als Buchbloggerin, die mit Rezensionen und Empfehlungen für Autor*innen ebenfalls wichtig sein kann, um ein Buch bekannter zu machen, erlebt sie, wie wichtig die Interaktion mit den anderen Nutzer*innen ist. Sie weiß von Blogger*innen, die nur jene Autor*innen rezensieren, die auf den Plattformen vertreten sind, weil nur die ihre Posts teilen und die Reichweite verstärken können.
Verlage lagern die Marketingarbeit systematisch aus, bezahlt werden die Autor*innen dafür nicht. Es lockt lediglich das ungesagte Versprechen, bei entsprechender Plattform-Reichweite publizieren zu dürfen.
Sichtbarkeit scheint zur Voraussetzung für Veröffentlichung zu werden, nicht, wie früher zu deren Ergebnis. Wer präsent ist, gilt als investitionswürdig. Wer sich entzieht, riskiert, nicht vorzukommen. Dabei ist unklar, welche Form von Plattform-Aktivität tatsächlich zu Buchverkäufen, Einladungen oder anderer Anerkennung führt. Dazu Jenifer Becker: “Die meiste Arbeit, die da reinfließt, ist umsonst. Wir können gar nicht richtig sagen: An welchen Stellen hat dieser Post diese Kettenreaktion ausgelöst. Keiner hat einen Plan, wie es eigentlich funktioniert.” Es ist Glücksspiel: viel Einsatz, ungewisser Ausgang. Aus diesem Grund sei sie bei keiner Plattform mehr registriert, habe nicht einmal mehr inaktive Profile. “Ich wusste, wenn ich nur so ein Miniprofil habe, dass ich dann immer denken würde, wenn ich dies poste, dann passiert vielleicht jenes.” 2023 veröffentlichte sie den Roman Zeiten der Langeweile, in dem sich Protagonistin Mila vom Internet zu lösen versucht. Vor ihrem Debüt setzte sich Becker mit der Frage auseinander, ob und wie sie auf den Plattformen vorkommen will und entschied sich gegen einen Social Media Auftritt. “Für mich wäre das, wie einen neuen Job zu lernen.”- Sie hätte eine Marketingstrategie entwickeln und die nötigen Skills lernen müssen, um sinnvoll ihre schriftstellerische Karriere auf den Plattformen zu unterstützen.
Influencing ist ein eigener Beruf, der Skills erfordert, zeitaufwändig und prekär ist. Autor*innen arbeiten damit mehrfach unbezahlt: Sie produzieren Texte, die für die Publikation im Verlag gedacht sind, leisten für Verlag und Veranstalter*innen Marketing und erwirtschaften Profite für die Plattformen. Selbst das bloße Lesen, Scrollen, Reagieren ist Arbeit, die ausgebeutet wird: „looking is laboring“, heißt es bei Seymour.
“Ich habe keine Kapazitäten dafür, weil ich einen Brotjob habe.” sagt Jenifer Becker, die auch als publizierte Autorin nicht von ihren Texten allein leben kann. So arbeitete Ver.di in einem Report von 2024 heraus, dass nur 5,7% der Autor*innen in Deutschland vom Schreiben leben können, wobei die tendenziell besser verdienenden Drehbuchautor*innen ebenso erfasst wurden wie die eher schlechter verdienenden Lyriker*innen.
Man kann mit diesen Zahlen im Hinterkopf vermuten, dass ein Großteil der Autor*innen im deutschen Literaturbetrieb drei Haupttätigkeiten nachgeht: Dem kaum entlohnten Schreiben, dem nicht entlohnten Self-Marketing sowie einem bezahlten Job, der den Lebensunterhalt sichert. Pflege- oder Fürsorgeverantwortung, Management der eigenen Gesundheit, Gendertransition, (migrationsbedingte) Mehrbelastung durch Bürokratie und andere informelle Arbeit ist hier nicht mit eingerechnet. Diese wird jedoch von Autor*innen stärker abverlangt, je mehr sie von (Mehrfach-)Diskriminierung betroffen sind. Überdies müssen Autor*innen, die mehrfachmarginalisiert sind, härter für Sichtbarkeit arbeiten und sind dabei häufiger Trolling, Doxxing und anderen Gefahren ausgesetzt als privilegiertere Kolleg*innen: Sichtbarkeit ohne Ressourcen bedeutet Gewalt. Wie Verlage und Agenturen ihre Autor*innen vor dem Gewaltpotenzial auf den Plattformen schützen, wäre zu untersuchen. Schließlich sind sie es, die die Sichtbarkeit von ihnen abverlangen. Doch um strukturelle Ungleichheiten jenseits von Repräsentationsfragen geht es in Debatten derzeit noch selten. Das zentrale Narrativ scheint zu lauten: Wer nur stark genug an der eigenen Marke arbeitet, kann im prekären Literaturbetrieb bestehen.
Doch etwas bröckelt. Obwohl die Literaturbranche scheinbar akzeptiert hat, dass unbezahlte Plattformarbeit zur Voraussetzung kultureller Teilhabe geworden ist, suchen insbesondere Autor*innen nach Alternativen. Ein Weg, ohne die Plattformen trotzdem im Literaturbetrieb vorzukommen kann die Anbindung an eine Institution sein. Bei Becker ist es das Literaturinstitut der Universität Hildesheim, wo sie lehrt. Dadurch könne sie netzwerken und bleibe informiert, außerdem sei sie als Akteur*in in der Branche sichtbar. Außerdem waren ihre jüngsten Texte zum Thema KI so relevant, dass man sie auch ohne Plattformpräsenz anfragte.
Ich selbst habe in den letzten Jahren viel mit d.i.y.-Kultur und communitybasierten Methoden experimentiert: Queere Netzwerke, Flyer, Community-Events, selbstorganisierte Lesungen und nicht zuletzt mein eigener Newsletter Despite ermöglichten es mir, sichtbar zu sein. Zweifel und Zukunftsängste blieben dabei immer präsent. Was, wenn man sich mit dieser Verweigerung alles verbaut? Auch Becker sagt: “Vielleicht verpasse ich auch die wichtigsten Sachen. Ich weiß es nicht.”, doch ihre Erfahrung ist auch: “Du kannst in einer schönen Bubble der Ignoranz leben, weil du ganz viel einfach nicht mitbekommst.”
Die genannten Umgänge bleiben individualisiert und nicht allen zugänglich. Kollektivere Wege sucht ZoraLit. Ein breites Onlineangebot auf der eigenen Website macht sie unabhängiger vom Wankelmut des Plattform-Algorithmus. Newsletter, Schreibwerkstätten und sogar eine ZoraLit-interne Social-Media-Plattform helfen bei der Vernetzung. “Wenn du etwas postest, erreichst du alle Mitglieder. Das sind zwar wenige, aber das Interesse ist größer, da sie Teil der Genossenschaft sind.” sagt Fenner.
Dezentrale, vielfältige Formen der Vernetzung, die analog und online kombinieren und von den Plattformen unabhängige Literatur-Communities aufbauen und dabei mehr Geld und Ressourcen in Autor*innentaschen spülen müssen wir in jedem Fall entwickeln. Erst das wäre ein Schritt weg vom Casino der Sichtbarkeit zur Demokratisierung des Schreibens.
The House Wins Every Game
I am not trying to make a living off this newsletter. My posts will stay accessible for free. My wish is, that more people who might be interested can find it. If you like this text and want to support me, please send it to your friends or enemies via email, messenger or however you like. Thank you!
This is part II. You can find part I here.
I began to withdraw from the platforms in 2020. I had been dissatisfied with them for a while, as they had long since failed to live up to their promises of professional networking and political exchange. My mental health was increasingly suffering, I felt polarization and competition, and I no longer knew how to position myself within it. But it took many months before I deleted one profile and not had to compulsively create a new one shortly afterwards. The nasty addiction reared its head a few times until I managed to stay logged out.
For the platforms themselves, it is irrelevant whether their use is harmful to people or whether the content published there is inspiring, destructive, or traumatizing. What matters to them is time on device, i.e., how long you spend on the platform each day. Attention and interaction generate their profits. As in a casino, it is only the house that wins every game.
This logic has a direct impact on the literary world, which is amazed at the rising sales figures generated by BookTok and similar formats. Now, authors are no longer expected to just write their books, plays, or poetry.
They are also expected to generate reach on platforms, build communities, and position themselves as a brand. From the perspective of an agency that wants to represent its authors as well as possible to publishers and other players in the literary world, this expectation is also palpable.
“Publishers find a manuscript more attractive if the author has a good grasp of self-marketing,” says Alyssa Fenner. As a book blogger, who can also be important in promoting a book through reviews and recommendations for authors, she experiences how important interaction with other users is. She knows of bloggers who exclusively review authors who are represented on the platforms because only they can share their posts and increase their reach.
Publishers systematically outsource marketing work, and authors are not paid for it. All they get is the unspoken promise of being allowed to publish if they have sufficient reach on the platforms.
Visibility seems to be becoming a prerequisite for publication, rather than the result of it, as it used to be. Those who are present are considered worthy of investment. Those who withdraw risk not being noticed. At the same time, it is unclear what form of platform activity actually leads to book sales, invitations, or other recognition. Jenifer Becker comments: “Most of the work that goes into it is for nothing. We can’t really say where this post triggered this chain reaction. No one has a plan for how it actually works.” It’s a gamble: a lot of effort, uncertain outcome. For this reason, she is no longer registered on any platform and doesn’t even have inactive profiles. “I knew that if I had even just a mini profile, I would always think, ‘If I post this, then maybe that will happen.’” In 2023, she published the novel Zeiten der Langeweile (Times of Boredom), in which the protagonist Mila tries to break away from the internet. Before her debut, Becker grappled with the question of whether and how she wanted to appear on the platforms and decided against a social media presence. “For me, it would be like learning a new job.” She would have had to develop a marketing strategy and learn the necessary skills to meaningfully support her writing career on the platforms.
Influencing is a profession in its own right that requires skills, is time-consuming, and is precarious. Authors do unpaid influencing labor in several ways:
They produce texts intended for publication by publishers, do marketing for publishers and event organizers, and generate profits for the platforms. Even the mere act of reading, scrolling, and reacting is work that is exploited: “Looking is laboring,” says Seymour.
“I don’t have the capacity for it because I have a day job,” says Jenifer Becker, who, even as a published author, cannot make a living from her writing alone. In a 2024 report, Ver.di found that only 5.7% of authors in Germany can make a living from writing, with screenwriters, who tend to earn more, being included as well as poets, who tend to earn less.
With these figures in mind, one can assume that the majority of authors in the German literary world have three main activities: writing, which is hardly remunerated; self-marketing, which is unpaid; and a paid job that secures their livelihood. Care responsibilities, managing one’s own health, gender transition, (migration-related) additional burdens due to bureaucracy, and other informal work are not included here. However, the more authors are affected by (multiple) discrimination, the more these demands are placed on them. Furthermore, authors who are multiply marginalized have to work harder for visibility and are more frequently exposed to trolling, doxxing, and other dangers than more privileged authors.
Visibility without resources means violence. How publishers and agencies protect their authors from the potential for violence on platforms is something that needs to be investigated. After all, they are the ones who demand visibility from them. However, debates currently rarely address structural inequalities beyond issues of representation. The central narrative seems to be that those who work hard enough on their own brand can survive in the precarious literary world.
But something is crumbling. Although the literary industry seems to have accepted that unpaid platform work has become a prerequisite for cultural participation, authors in particular are looking for alternatives. One way to get ahead in the literary world without the platforms is to connect with an institution. For Becker, that’s the Literature Institute at the University of Hildesheim, where she teaches. This allows her to network and stay informed, and also makes her visible as a player in the industry. In addition, her recent writings on AI were so relevant that she was approached even without a platform presence.
I myself have experimented a lot with DIY culture and community-based methods in recent years: queer networks, flyers, community events, self-organized readings, and, last but not least, my own newsletter, Despite, have enabled me to be visible. Doubts and fears about the future have always been present. What if this refusal ruins my chances?
Becker also says, “Maybe I’m missing out on the most important things. I don’t know,” but her experience is also that “you can live in a nice bubble of ignorance because you simply don’t notice a lot of things.”
The approaches mentioned remain individualized and not accessible to everyone. ZoraLit is looking for more collective ways. A wide range of online offerings on its own website makes it less dependent on the vagaries of the platform algorithm. Newsletters, writing workshops, and even an internal ZoraLit social media platform help with networking. “When you post something, you reach all members. There aren’t many of them, but their interest is greater because they are part of the cooperative,” says Fenner.
We definitely need to develop decentralized, diverse forms of networking that combine analog and online, build literature communities independent of platforms, and put more money and resources into authors’ pockets. Only then will we take a step away from the casino of visibility and toward the democratization of writing.


Thank you so much for this 🩷 It really resonated with some of my current frustrations with writing and publishing. It was great to hear about Zoralit as well. We need more of these collective projects!