Im Fahrradkorb liegt eine cunty Handtasche, im Gesicht
On demonically sucking al life out of the Good people of Vienna
Nach neun Monaten in Wien besucht mich Tamara und spricht aus, was niemandem bis dahin aufgefallen war:
“Du bist anders”, sagt sie. “Du bist angespannt, nicht du selbst.”
Seit neun Monate habe ich etwas im Bauch und weiß nichts davon. Neun Monate, bis es endlich herauskommt, wie ein Baby, das nach einer unentdeckten Teenage-Schwangerschaft auf der Damentoilette eines Vergnügungspark zur Welt gebracht wird. Solche Geschichten lasen wir als Tweens in Clickbaitheftchen, für die wir slightly zu jung waren. Wir konnten nicht glauben, dass man von solchen großen Veränderungen im eigenen Leben so lange nichts mitbekäme.
Tamara ist gerade erst angekommen, hat kaum eine halbe Stunde mit mir verbracht.
“Was meinst du?”, frage ich.
“Die Leute reagieren sehr krass auf dich.”
Ein Teil von mir wird nervös. Sie stochert in meinem Bauch, dessen Schwellung ich seit Monaten verleugne.
“Sie sind wütend, empört. Als würdest du sie stören.”
Wir sind draußen unterwegs. Holen uns Frühstück, machen Besorgungen in meinem Viertel, dem 17. Bezirk. Niemand hat uns beschimpft oder bedroht.
”Woher willst du das wissen, es ist doch gar nichts passiert”, sage ich. “Die Leute sind hier nunmal grantig.”
”Wenn du an den Leuten vorbeigehst, ändert sich ihre Stimmung,” sagt sie. “Hier, im Café Aida. Erst sitzen die Leute ganz normal an ihren Tischen am Straßenrand, dann nehmen sie dich wahr und bei jeder einzelnen Person verändert sich die Stimmung, der komplette Gesichtsausdruck.”
Mir läuft ein Schauer durch den Körper. Ich bin offenbar ein Dämon, der ihre Energie aussaugt. Meine Präsenz vermag den Fortgang ihres Tages umzulenken. Ich bitte Tamara, mich darauf aufmerksam zu machen, wenn sie wieder etwas ähnliches beobachtet. Es dauert keine Minute, da zeigt sie mir eine weitere Passantin, die mich ansieht wie ein öffentliches Ärgernis.
Wir kaufen Kaffee zum Mitnehmen, ich bezahle und sage zu Tamara: “Diese Barista war so nett zu mir, das ist wirklich eine Seltenheit hier. Die Alltagskultur ist hier sehr unfreundlich.”
”Nein, Freddy, das ist sie nicht;” sagt sie. “Zu mir sind sie nicht unfreundlich. Zu mir sind sie so nett, dass es fast schon übergriffig wird.”
Mir wird schwindelig. Jetzt, wo sie mir gezeigt hat, dass ich was im Bauch habe, kann ich die Tritte darin nicht mehr ignorieren.
Ich habe in dieser Stadt einen Filter über alles gelegt, was ich sehr. Ich schaue niemandem ins Gesicht, ich gleite vorbei, blende alles aus. Als ich beginne, bewusst in die Gesichter der Leute zu schauen, schmerzt es. Tamara hat recht. Sie drehen sich nach mir um, starren wütend, reden. Sie bedienen mich unwillig und vorwurfsvoll im Café, egal wieviel Trinkgeld ich ihnen gebe, egal wie freundlich ich bin. Im Zeitraffer ordne ich hunderte kleine Situationen, die hier passiert sind, neu ein. Die unerklärliche Wut eines Dozenten, die unerklärliche Ungehaltenheit von nahezu allen Fremden, mit denen ich interagiere, die unerklärliche Ablehnung all jener Leute, die mir nicht auf dem Campus meiner Artschool oder in meiner Dyke-WG begegnen.
Nicht einmal eine Woche vergeht zwischen Tamara Schwangerschaftstest und einer feuchten Geburt, die die Sache vollends ans Tageslicht bringt: Eine neue Freundin hatte mich zum Frühstücken in den 8. Bezirk eingeladen und nach zwei Stunden Kette rauchend angestarrt werden, über die Diskrepanz zwischen den blumigen Worten der Speisekarte und der tatsächlichen, in Miniaturform servierten Speisen lachen
und die kulturellen Unterschiede des Socialisings von AFAB vs. AMAB trans Leuten diskutieren
warte ich an der Ampel an der Haltestelle Alserstraße. Es ist heiß; der Beginn jener ersten Hitzewoche im Juni, über die es nun heißt, dabei seien allein in Deutschland über 5000 Menschen gestorben. Ich trage Hotpants und ein Top, das aus Ösen und Schlingen besteht und habe meine Haare zu zwei kleinen Zöpfchen zusammengefasst. Im Fahrradkorb liegt eine cunty Handtasche, im Gesicht trage ich die schweißverlaufenen Reste eines full face of Makeup. Ich wollte mir und meiner Freundin beweisen, dass diese Stadt mich nicht nieder ringen würde. Dass ich nicht klein beigeben und dem Glamour und der Sexiness entsagen würde, egal, welches Consciousness Raising gerade hinter mir liegt.
Auf die von der Sonne erhitzte und von dem slutty Top entblößte Haut meines Rückens trifft auf einmal etwas Flüssiges.
Schweiß ist es nicht, denn es kommt zu plötzlich, es kommt von außerhalb. Aber woher? Gießt jemand Blumen? Ich blicke mich um. Die Fahrbahn, auf der ich mit meinem schweren Leihfahrrad warte, ist weit weg von potenziellen Balkonbewohner*innen.
Es fühlt sich außerdem warm an auf meinem Rücken, zu warm, um Gießwasser zu sein. Ich schaue nach oben. Hat etwa ein Vogel auf mich und meinen Glamour gekackt? Aber nein, kein Lebewesen sitzt auf den Drähten der Straßenbahn, die sich gegen den Himmel abzeichnen. Ich fasse mir an den Rücken, wische die Flüssigkeit ab und betrachte sie, während die Ampel vor mir auf Rotgelb schaltet.
Sie ist klar, zäh und schlägt Bläschen.
Es ist Speichel.
Die Ampel wird Grün, ein Roller überholt mich, darauf zwei Jungs. Der hintere wirft mir einen langen Blick zu, seine Worte werden von meinen Kopfhörern geschluckt. Um mich herum ansonsten nur Autos mit geschlossenen Fenstern. Kein anderer Mund kann mich bespuckt haben, als die Münder der beiden auf dem Roller.
Ich will sagen:
”So ist das Leben. Ich bin nun jemand, der angespuckt wird. Let’s move on.”
Doch ich widerstehe dem Impuls, Gras über den Speichel wachsen zu lassen und schreibe in den Chat meiner Vienna Dyke-WG:
“Wurde eben auf dem Fahrrad angespuckt :/”
Die Jungs auf dem Roller: Ich erinnere mich nur an ihr dunkelblondes Haar, zwei dichte Helme, die in der Sonne glänzen. Sie sind vierzehn oder sechzehn, denke ich. Kinder, würde man vielleicht sagen. Aber wenn sie wirklich vierzehn sind, und wenn ich daran denke, wie ich mich selbst mit vierzehn gesehen habe, da war ich kein Kind. Ich sah mich als erwachsen, als gleichberechtigt mit Älteren, ich nahm mir Agency, wo es mir möglich erschien. Wenn sie Kinder sind, dann nur Kinder dieser Zeit. Kinder dieser Gesellschaft: Auch durch das Andrew-Tate-Rauschen dringt durch, dass ihre Gegenwart von Bedrohungen, ihre Zukunft von Gewalt und Mangel geprägt ist.
Sie spuckten mich an, weil sie Agency haben. Denn um einen Menschen anzuspucken, muss man innerlich erstmal so weit kommen, dass man sich selbst als Subjekt, den anderen aber nur als Objekt begreift. Als Objekt, das nicht einmal Worte verdient, nicht einmal Sprache, die, nach dem aufklärerischn Denksystem, den Menschen vom Tier unterscheidet.
Ich zwinge mich dazu, anderen zu erzählen, dass es wirklich passiert ist. Meine Mitbewohner*innen reagieren traurig und wütend und berufen ein abendliches Treffen in der Küche ein, um mich zu unterstützen. Ich sage: “Wie kann man bei 36 Grad im Schatten noch genügend Speichel im Mund haben, um jemanden anzuspucken?”, dabei finde mich sehr witzig.
Consciousness Raising schmerzt, auch wenn ich es schon öfter durchlebt habe, als ich zählen kann. Ich kam letzten Herbst in Wien an, lernte, dass man mich in meiner main Straßenbahnlinie (der 43er) nicht verprügeln würde und hörte mit dieser beruhigenden Erkenntnis auf, irgendwas anderes wahrzunehmen. Es schmerzt, mir einzugestehen, dass ich alles weitere verdrängt habe. Körperliche Sicherheit ist die Vorraussetzung, aber nicht die volle Bandbreite von tatsächlicher Sicherheit.
Mein Körper, mein Unterbewusstsein, das nicht-Ich, hat niemals damit aufgehört, den sich stetig vermehrenden Zellklumpen in meinem Bauch wahrzunehmen, bis es für eine ordentliche Handvoll Misoprostol längst zu spät ist.
Am Tag der Spucke kommen mich meine Eltern besuchen. Ich erzähle ihnen nicht davon.
Unter Queers und Linken ist es, theoretisch, nicht so schlimm, ausgegrenzt zu werden. Sie verstehen diese Erfahrung als notwendiges Übel, als logische Konsequenz aus der eigenen Position: Queers organisieren sich unter der Prämisse des eigenen Andersseins, Linke wollen das hier und jetzt verändern und sehen Anderssein als Vorboten auf die, hoffentlich, anders gemachte Zukunft. Aber in Kontakt mit meiner Familie, die weder queer noch links ist, spüre ich die schärfsten Kanten von dem, was ich geworden bin.
A cunty handbag sits in my bike basket, and on my face
English translation made with help of deepl.com
After nine months in Vienna, Tamara comes to visit me and points out something no one had noticed until then:
“You’re different,” she says. “You’re tense—you’re not yourself.”
For nine months, I’ve had something in my belly and haven’t known it. Nine months until it finally comes out, like a baby born in the women’s restroom of an amusement park after an undiscovered teenage pregnancy. We used to read stories like that as tweens in clickbait magazines we were slightly too young for. We couldn’t believe that you could go so long without noticing such major changes in your own life.
Tamara just got here; she’s barely spent half an hour with me.
“What do you mean?” I ask.
“People are reacting really strongly to you.”
Part of me gets nervous. She pokes at my belly, the swelling of which I’ve been denying for months.
“They’re angry, outraged. As if you were bothering them.” We’re out and about. Getting breakfast, running errands in my neighborhood, the 17th District. No one has insulted or threatened us.
“How do you know that? Nothing’s happened,” I say. “People here are just grantig1.”
“When you walk past people, their mood changes,” she says. “Here, at Café Aida. People are just sitting at their tables by the roadside as usual, but then they notice you, and for every single person, their mood changes—their entire facial expression.”
A shiver runs through my body. Apparently, I’m a demon sucking the life out of them. My presence is capable of disrupting the course of their day. I ask Tamara to let me know if she observes something like this again. It doesn’t take a minute before she points out another passerby who’s looking at me as if I were a public nuisance.
We buy coffee to go; I pay and say to Tamara, “That barista was so nice to me—that’s really a rarity here. The everyday culture here is very unfriendly.”
“No, Freddy, it isn’t”, she says. “They’re not unfriendly to me. They’re so nice to me that it’s almost intrusive.”
I feel dizzy. Now that she’s shown me that there’s something in my belly, I can no longer ignore the kicks coming from inside.
In this city, I’ve put a filter over everything I feel. I don’t look anyone in the face; I glide past them, tuning everything out.
When I start consciously looking at people’s faces, it hurts. Tamara is right. They turn to look at me, stare angrily, talk. They serve me reluctantly and reproachfully at the café, no matter how much I tip them, no matter how friendly I am. In high speed, I reevaluate hundreds of little situations that have happened here. The inexplicable anger of a professor, the inexplicable indignation of nearly every stranger I interact with, the inexplicable rejection from all those people I encounter outside my art school’s campus or in my shared apartment full of dykes.
Not even a week passes between Tamara's pregnancy test and a watery birth that brings the whole thing fully to light: A new friend had invited me to breakfast in the 8th district, and after two hours
of being stared at while chain-smoking,
laughing at the discrepancy between the flowery descriptions on the menu and the actual dishes served in miniature form
and discussing the cultural differences in socializing between AFAB and AMAB trans people,
I’m waiting at the traffic light at the Alserstraße station. It’s hot; the start of that first heat wave in June, which is now said to have claimed the lives of over 5,000 people in Germany alone. I’m wearing hot pants and a top made of eyelets and loops, and I’ve tied my hair into two little braids. A cunty handbag sits in my bike basket, and on my face are the sweat-smudged remnants of a full face of makeup. I wanted to prove to myself and my friend that this city wouldn’t bring me down. That I wouldn’t give in and renounce glamour and sexiness, no matter what kind of consciousness raising I’d just gone through.
Something liquid suddenly hits the skin on my back that is heated by the sun and exposed by my slutty top. It’s not sweat, because it comes too suddenly; it’s coming from outside of myself. But from where? Is someone watering flowers? I look around. The street on which I’m waiting with my heavy rental bike is far from any potential balcony dwellers.
It feels warm on my back—too warm to be water from a hose. I look up. Did a bird just poop on me and my glamour? But no, there’s not a single living creature perched on the streetcar wires silhouetted against the sky. I touch my back, wipe off the liquid, and examine it as the traffic light in front of me turns red-yellow.
It’s clear, viscous, and forming little bubbles.
It’s saliva.
The light turns green; a scooter passes me, with two boys on it. The one in the back gives me a long look; his words are swallowed up by my headphones. Besides them, only cars with closed windows are around me. No other mouth could have spat on me except the mouths of the two on the scooter.
I want to say: “That’s life. I’m now someone who gets spat on. Let’s move on.”
But I resist the urge to let the spit slide and type in the chat group for my Vienna Dyke shared apartment:
“Just got spat on while riding my bike :/”
The boys on the scooter: I can only recall their dark blond hair, two bulky helmets glinting in the sun. They’re fourteen or sixteen, I think. Children, one might say. But if they really are fourteen, and when I think about how I saw myself at fourteen, I wasn’t a child. I saw myself as an adult, as an equal to those older than me; I took agency wherever I could. If they are children, then they are only children of this era. Children of this society: Even through the Andrew Tate noise, it’s clear that their present is marked by threats, their future by violence and deprivation.
They spat at me because they have agency. To spit at a person, you first have to reach a point internally where you see yourself as a subject and the other person as nothing but an object. An object that doesn’t even deserve words, not even language, which, according to the Enlightenment worldview, distinguishes humans from animals.
I force myself to tell others that it really happened. My roommates react with sadness and anger and call an evening meeting in the kitchen to support me. I say, “How can you still have enough saliva in your mouth to spit on someone when it’s 36 degrees in the shade?” and find myself very funny.
Consciousness raising hurts, even though I’ve been through it more times than I can count. I arrived in Vienna last fall, found out that I wouldn’t get beaten up on my main tram line (the 43), and, with that reassuring realization, stopped noticing anything else. It hurts to admit to myself that I’ve blocked out everything. Physical safety is a prerequisite, but never the full scope of true safety.
My body, my subconscious, the “not-me,” never stopped sensing the ever-growing mass of cells in my belly, until it was too late to throw back a nice handful of misoprostol.
On the day of the spit, my parents come to visit me. I don’t tell them about it.
Among queers and leftists, being made into the other is, theoretically, not so bad. They understand this experience as a necessary evil, as a logical consequence of their own stance: Queer people organize themselves on the premise of their own otherness; leftists want to change the here and now and see otherness as a harbinger of a future that will, hopefully, be different.
But when I’m with my family, who are neither queer nor leftist, I feel the sharper edges of what I’ve become.
[an Austrian term for a specific unfriendly Vinna-vibe]

