lieber tot als verliebt und immer auf der Jagd nach
Reading Theweleit to understand patriarchal extremism today
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Ich möchte euch auf folgendes ARD-Hörspiel hinweisen, das meine liebe Kollegin Tia Morgen geschrieben und realisiert hat: NIXE erzählt von Gewalt in einer lesbischen Beziehung und wurde von einem queeren Ensemble realisiert.
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CN: Patriarchale Gewalt
Meine letzen Monate waren eingenommen von Männerphantasien. Ursprünglich die Dissertation von Klaus Theweleit, erschien der Titel 1975 erstmalig als Buch. 2019 folgte die Neuauflage mit Kommentar des Autors und damit auch eine wiedererstarkte Rezeption. Ich sah den Wälzer zum ersten Mal im Bücherregal einer Connewitzer WG, nahm ihn in die Hand und spürte sein Gewicht. Vor fünf Jahren hatte ein 1200-Seiten-Sachbuch keinen Platz in meinem Leben. Jetzt bin ich dafür durch die ganze Stadt geradelt, zur Zweigstelle der Wiener Stadtbücherei, die es zu verleihen hatte. Ich schleppe es überall mit hin, lese darin im Café, zwischen Seminaren, in der Straßenbahn und am Frühstückstisch.
Wieso? In meinem neuen Stück gibt es eine Figur mit großen Bezügen zu dem, was man weitläufig als “Manosphere” fasst. Aktuelle Beiträge zum Thema beschäftigen sich meiner Meinung nach nur oberflächlich mit Ursache, Struktur und Ideologie dieser patriarchalen Bewegung(en). Doch auch wenn Männerphantasien eine Erforschung des Faschismus mit Fokus auf die Geschlechterverhältnisse in der spezifisch deutschen Geschichte ist - ihr ideologischer Einfluss war/ist groß genug, um damit auch die internationale und nicht-nationale (weil online basierte) Manosphere zu verstehen.
Das Buch liegt also, wie eine Bibel, auf meinem Tisch, als jemand im Vorbeigehen kommentiert, dass er während seiner Zeit im (verpflichtenden) Militärdienst das Buch von Theweleit bei sich hatte. Es habe ihn gerettet, sagt er. Wovor genau braucht er nicht auszuführen, man kann sich ausmalen, was Männerphantasien gewesen sein mag: Ein Trost angesichts toxischer Männlichkeit, ritualisierter Erniedrigung, körperlichem Drill, Militarismus, Gruppenzwang, Mobbing, Prügel, usw. Ich freue mich über diesen Moment der spontanen Verbindung, auch wenn ihm der emotionale Gehalt weniger bewusst sein muss als mir, erfahre ich doch seine Gefühle, als er das Buch sieht (”Freude! Sentimentalität!”), er meine über diesen schönen Zufall nicht.
Auch mir hilft das Buch dabei, nicht mit dem Wahnsinn mitzugehen, der immer wieder in den novemberdunklen Gassen Wiens nach mir greift. Männer verübten in Österreich im Jahr 16 Femizide, es gab 39 Mordversuche (gezählt durch die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, Stand 16.12.2025). Ausdruck einer patriarchalen, traditionellen Gesellschaft. Als sich meine Mitbewohner*innen am 20. November zur Veranstaltung anlässlich des Trans Day of Rememberance in die Kälte stellen und den ermordeten trans Personen des vergangenen Jahres gedenken, bleibe ich zuhause und lese.
Ich recherchiere Damals und Heute parallel:
Incels und Freikorpssoldaten.
Black Pill und Vaterland.
80-20, Flintenweiber, rote Krankenschwestern.
In einer Folge des i-Heart Podcast Incels schildert ein solcher seine Fantasien, einer schönen Frau die Nase zu brechen, damit sie dann (seiner Meinung nach) keinen Freund mehr abkriegen wird. Theweleit analysiert bändeweise die Literatur von Befehlshabern im ersten Weltkrieg, die das Erlebte (und Getane) mit kaum verschleierten Vernichtungsfantasien den immer gleichen Frauen(-Projektionsflächen) gegenüber verarbeiten. Auch sie empfinden das Leben als dauernden Kampf, und nur dann als lebenswert, wenn die Kugeln sausen. Incels wiederum berichten, dass ihnen das Leben vorkommt wie ein Videospiel und sie sich lediglich online, wenn sie mit ihrer Manosphere-Community verbunden sind, lebendig fühlen.
Theweleits Motivation für das wissenschaftliches Arbeiten gegen den Faschismus erläutert er im Vorwort: Sein Vater, der von 1901 bis 1966 lebte, ist die biografische Brücke.
“Die Schläge, die er reichlich und brutal verteilte im Rahmen des Üblichen und in der guten Absicht des Affekts, waren die ersten Belehrungen, die mir eines Tages als Belehrungen über den Faschismus bewusst aufgegangen sind.” schreibt er.
Dieser Satz, nüchtern und klar, treibt mich an, immer noch eine der hauchdünnen, endlos vielen Seiten des Buches umzublättern. Ich will Theweleits akribische, dabei poetische und oft ironisch kommentierte Herleitung des deutschen Faschismus und seiner Kontinuität in mich aufnehmen. Erst wenn ich das alles weiß und begreife, kann ich über meine Figur alles wissen und begreifen.
Denn wie die Romanfiguren, die Theweleit im erstem Kapitel psychoanalytisch unter die Lupe nimmt, ist auch mein Character eher Sohn als Vater, eher Soldat als Offizier. Im faschistischen Fußvolk marschiert er voran, lieber tot als verliebt und immer auf der Jagd nach Adrenalin, weil Oxytocin, das “Kuschelhormon”, zu soft ist.
preferring death to love and always on the hunt for
I would like to draw your attention to the following ARD-radio play, which was written and produced by my dear colleague Tia Morgen: NIXE tells the story of violence in a lesbian relationship and was produced by a queer ensemble.
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CN: Patriarchal Violence
My last few months have been dominated by Male Fantasies. Originally Klaus Theweleit’s dissertation, the title was first published as a book in 1975. A new edition followed in 2019 with commentary by the author, and with it a resurgence in popularity. I saw the tome for the first time on the bookshelf of a WG in Connewitz, picked it up, and felt its weight. Five years ago, a 1,200-page nonfiction book had no place in my life. Now I rode my bike across town to the branch of the Vienna City Library that had it available for loan. I carry it everywhere with me, reading it in cafés, between seminars, on the tram, and at the breakfast table.
Why? In my new play, there is a character with strong references to what is broadly understood as the “manosphere.” In my opinion, current articles on the subject only deal superficially with the causes, structure, and ideology of this patriarchal movement (or movements). But even though Männerphantasien is an exploration of fascism with a focus on gender relations in specifically German history, its ideological influence was/is significant enough to also understand the international and non-national (because online-based) manosphere.
So the book is lying on my table, like a Bible, when someone passing by comments that he had Theweleit’s book with him during his time in (compulsory) military service. It saved him, he says. He doesn’t need to explain exactly what from, but one can imagine what Männerphantasien may have been: A consolation in the face of toxic masculinity, ritualized humiliation, physical drill, militarism, peer pressure, bullying, beatings, etc. I am happy about this moment of spontaneous connection, even if he is less aware of the emotional charge than I am; I acknowledge his feelings when he sees the book (”Joy! Sentimentality!”), he does not know mine about this beautiful coincidence.
The book also helps me not to succumb to the madness that repeatedly reaches out for me in the dark November alleys of Vienna. Men committed 16 femicides in Austria in 2025, and there were 39 attempted murders (counted by the Autonomous Austrian Women’s Shelters, as of December 16, 2025). This is a reflection of a patriarchal, traditional society. When my roommates stand out in the cold on November 20 for the Trans Day of Remembrance event to commemorate the trans people who were murdered in the past year, I stay home and read.
I research the past and present in parallel:
Incels and Freikorps soldiers.
Black pill and fatherland.
80-20, Flintenweiber, red nurses.
In an episode of the i-Heart podcast Incels, one such man describes his fantasies of breaking a beautiful woman’s nose so that she will (in his opinion) no longer be able to get a boyfriend. Theweleit analyzes volumes of literature by commanders in World War I who process their experiences (and actions) with barely veiled fantasies of destruction directed at the same women (projection surfaces). They, too, perceive life as a constant struggle, and only worth living when bullets are flying. Incels, on the other hand, report that life seems like a video game to them and that they only feel alive when they are connected to their manosphere community online.
Theweleit explains his motivation for his academic work against fascism in the preface: his father, who lived from 1901 to 1966, is the biographical bridge.
“The blows he dealt abundantly and brutally as part of the usual routine and with good intentions were the first lessons that one day dawned on me as lessons about fascism,” he writes.
This sentence, sober and clear, drives me to turn another of the book’s countless, wafer-thin pages. I want to absorb Theweleit’s meticulous, poetic, and often ironically commented derivation of German fascism and its continuity. Only when I know and understand all this can I know and understand everything about my character.
For like the characters in the novel, whom Theweleit examines psychoanalytically in the first chapter, my character is more son than father, more soldier than officer. He marches ahead in the fascist foot soldiers, preferring death to love and always on the hunt for adrenaline, because oxytocin, the “cuddle hormone,” is too soft.

