wie Gewinne am Spielautomaten
Part I of II on writing within and without the "Casino of Visibility"
* *For English version, please scroll down* *
I have just realized that the stakes are myselfI have no otherransom money, nothing to break or barter but my life my spirit measured out, in bits, spread overthe roulette table, I recoup what I cannothing else to shove under the nose of the maitre de jeu nothing to thrust out the window, no white flagthis flesh all I have to offer, to make the play withthis immediate head, what it comes up with, my moveas we slither over this go board, stepping always(we hope) between the lines
Diane di Prima: Revolutionary Letter #1
Meine persönlichen Erfahrungen mit der Vernetzung via Internet beginnen nicht mit Social Media. Bevor sich irgendjemand auch nur ausmalen konnte, welche Dimension die Plattformen annehmen würden, schrieb ich in meiner Schulzeit in den 2000ern Blogbeiträge und beteiligte mich in Foren. Meine früheren Blogs las nur, wer zufällig darüber stolperte. Man klickte auf die Linkliste einer anderen Person und sah sich an, mit wem sie befreundet war; manchmal wurde man von Freund*innen empfohlen. So fühlte sich Twitter, meine erste Social-Media-Plattform, der ich ungefähr 2009 beitrat, ganz anders an.
Dort formte sich in den frühen 2010ern eine Community deutschsprachiger Feminist*innen, als Netzfeminismus bekannt und im sechs Quadratmeter Zimmer meines Studierendenwohnheims in Ludwigsburg begann meine Social-Media-Ära. Ich war dort eingezogen, um an der Akademie für darstellende Kunst Theaterregie zu studieren, hatte dafür mein Berliner Leben zurückgelassen und fühlte mich einsam, aber wissensdurstig. Ich interagierte, erst schüchtern, dann immer selbstverständlicher, mit anderen Feminist*innen und fühlte mich geehrt, wenn sie antworteten oder meine Beiträge teilten. Diese Form der Politik korrespondierte dabei mit meinem offline-Leben. Ich schrieb Zines, besuchte feministische Veranstaltungen und traf die Leute aus dem Feed auf Demos wieder.
Richard Seymour beschreibt in The Twittering Machine, einer 2019 erschienenen Abhandlung über die Bedeutung des Schreibens im Plattformkapitalismus dieses frühe Versprechen sozialer Medien als die Hoffnung, dass das geschriebene Wort politische Macht entfalten könne: spontan, niedrigschwellig, scheinbar unabhängig von Institutionen. Man nahm an, die Demokratisierung des Schreibens würde gut für die Demokratie an sich sein.
Jenifer Becker, eine Autorin, die heute auf keiner der Plattformen mehr aktiv ist, erinnert sich positiv an die 2010er Jahre, als sie Debatten auf Facebook, zum Beispiel über Postfeminismus als bereichernd empfand. “Ich habe mitgepostet und fand es interessant, mich zum Thema auszutauschen.” Vernetzung mit Gleichgesinnten auf der Plattform war einfach, die Kreise überschaubar.
Auch für mich wurden Plattformen relevant für die Resonanz meiner künstlerischen Arbeit. Inspiriert von meinem Studium, indem man irgendwie alles durfte, schrieb ich Songs, die ich auf meiner alten Akustikgitarre begleitete. Ich veröffentlichte sie auf YouTube und teilte den Link dazu wiederum auf Twitter. Ich besang unsere queerfeministische Community und verhöhnte patriarchale Strukturen. Jedes Video bekam einen anderen Character, mal mit Vulva-Stencil im Hintergrund, mal mit angemaltem Bart. Ohne die Plattformen hätte niemand diese Videos gesehen. Ich nannte mich als Singer-Songwriter Herrmann Herman (”Der männlichste Name der Welt!”). In meinem Ludwigsburger WG-Zimmer, wohin ich inzwischen gezogen war, verbrachte ich Tage damit, einen riesigen Phallus aus Pappmaché zu basteln, den ich mit pinkfarbenem Geschenkpapier beklebte. Herrmann Herman wurde, durch seine Plattform-Bekanntheit, zu Events eingeladen und begann seine Auftritte mit dem Satz “Ich bin Herrmann Herman und das ist mein Penisneid”, wobei er auf den rosa Riesenphallus deutete. Ich spielte meinem Themensprekturm entsprechend bei der Eröffnung des Berliner Sexshops Other Nature, bei Hausbesetzungen, Lad.i.y.-Festen, aber auch beim Monologfestival des Berliner Theaterdiscounters. Meine Präsenz auf den Plattformen hatte mir die Auftrittsmöglichkeiten verschafft - wie von Zauberhand.
Seymour erörtert, dass soziale Medien zwar marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit verschaffen können, zugleich aber verlangen, Identitäten permanent zu produzieren, zu pflegen und zu verwerten. Diese Arbeit ist erschöpfend und zeitintensiv.
Nach ein paar Monaten wollte ich nicht mehr, denn der Character Herrmann Herman schien irgendwie in einem Widerspruch zu stehen zu meiner sich eröffnenden Transidentität. Verirrt in verworrenen Plattform-Debatten schien es mir nicht möglich, gleichzeitig trans männlich sein und Drag, der Männlichkeit persifliert, machen zu können. Die eigene Identität zu produzieren, sie für andere lesbar und damit auch verwertbar zu machen kostet nicht nur Zeit und Energie, manchmal ist diese Arbeit schlicht (noch) nicht möglich oder man selbst möchte andere Wege gehen. Ich legte Herrmann Herman zu den Akten, behielt meine Präsenz auf der Plattform aber vorläufig bei.
Für mich war sie anfangs vor allem aufregend. Es war ein Thrill, zu wissen, was andere noch nicht wussten. Ein Genuss, dass man Informationen bekam, die erst Tage später, wenn überhaupt, von den Nachrichtenagenturen aufgegriffen wurden. Ich fühlte mich als Teil einer Avantgarde, immer informierter und dadurch naturgemäß weiser als alle anderen. Es fühlte sich mächtig an, überlegen.
Dabei sind die Plattformen selbst so designt, dass die Userexperience, also wie wir uns fühlen, wenn wir sie nutzen, eine Wirkmacht suggeriert, die wir nicht haben. Man fühlt sich als Schöpfer*in. Die Marketingbotschaft der Plattformen sowie unserer Devices verspricht, dass diese uns zu Diensten sein würden. Nutzer*innen fühlen sich wirksam, doch in Wirklichkeit werden wir in ein System aus Belohnung und Bestrafung eingebunden. Likes, Reaktionen usw. funktionieren wie Gewinne am Spielautomaten, das Smartphone wird zur „slot machine in your pocket“, so beschrieb der frühere Google-Mitarbeiter Tristan Harris bereits 2016 das Phänomen.
Diese Mechanismen und ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind längst dokumentiert: Plattformen machen abhängig, fragmentieren Aufmerksamkeit und soziale Beziehungen. Sie machen uns unglücklich, einsam, süchtig, krank.
Für Alyssa Fenner, die 2025 zusammen mit Zoë Martin, Katharina Holzmann, Sabina Everts und Laura Weber die Agentur ZoraLit gegründet hat, sind die Auswirkung der Plattformen auf die mentale Gesundheit glücklicherweise kein akutes Problem. Sie ist zwar in ihrer Freizeit auch als Buchbloggerin aktiv, doch ihre Marketingarbeit für die Agentur ist nicht darauf angelegt, jeden Tag Reichweite zu generieren. “Das passt nicht zu ZoraLit”, sagt sie im Interview. Das erlaube es ihr, klare Grenzen zwischen Freizeit und Marketingarbeit zu ziehen. ZoraLit funktioniert nach genossenschaftlichem Prinzip und bietet Vernetzung, Bildung, Vermittlung und Infrastruktur für Literaturschaffende.
Leser*innen wollen sich auf Plattformen über das Profil eines Verlags oder einer Agentur informieren und lesen zwischen den Zeilen: Wer folgt wem, wer interagiert mit wem? Aus diesem Grund reicht eine einfache Webpräsenz für diese Unternehmen nicht aus. Mit dem Profil auf der Plattform (im Falle von ZoraLit ist es Instagram) könne man Vertrauen gewinnen und das eigene Image schärfen, so Fenner. Die Genossenschaft nutze Social Media nicht für das eigene Wachstum, sondern für die Repräsentation ihrer Arbeit.
Teil I von II. Der Text entstand für das Seminar “Betriebssystem Literatur”, Universität für Angewandte Kunst Wien von Jenifer Becker. Danke an Jenifer Becker und Alyssa Fenner für die Interviews.
Letzte Woche erschien meine Reportage über die Situation von Sexarbeiter*innen auf dem Berliner Wohnungsmarkt in der Analyse und Kritik. Sie ist hinter einer Paywall, aber es lohnt sich, die Zeitung zu kaufen oder gleich ein Abo abzuschließen!
Außerdem habe ich mich mit einem Podcast befasst, in welchem der Host Matt Bernstein gemeinsam mit Autorin June die ehemalige MAGA-Influencerin und anti-transgender-Aktivistin Ashley St Clair zu ihrem Sinneswandel befragen. Auf das transfeindliche Kinderbuch “Elephants are not Birds”, das sie 2021 publiziert hatte, nahm mein Theaterstück “Ich bin das Walross” von 2024 Bezug und sie war eine der Inspirationen für die Figur Janine. Sie entschuldigt sich immer wieder dafür und will Verantwortung für den Schaden, den sie angerichtet hat, übernehmen. Aufgrund dieses direkten Bezugs zu meiner Arbeit hat mich der Podcast sehr aufgewühlt. Geht es euch ähnlich?
Bitte folgt der Berichterstattung zum Kampf der kurdischen Freiheitsbewegung gegen die Angriffe von Islamist*innen und Türkei gegen ihr Leben und das demokratische Projekt Rojava und beteilgt euch an solidarischen Aktionen. Spendet an den kurdischen Roten Halbmond.
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this immediate head, what it comes up with, my move
as we slither over this go board, stepping always
(we hope) between the lines
Diane di Prima: Revolutionary Letter #1
My personal experience with networking via the internet did not begin with social media. Before anyone could even imagine the scale that these platforms would take on, I was writing blog posts and participating in forums during my school days in the 2000s. My early blogs were only read by those who stumbled across them by chance. You clicked on someone else’s link list and saw who they were friends with; sometimes you were recommended by friends. That’s why Twitter, my first social media platform, which I joined around 2009, felt completely different.
In the early 2010s, a community of German-speaking feminists formed there, known as Netzfeminismus (internet feminism), and my social media era began in the six-square-meter room of my student dorm in Ludwigsburg. I had moved there to study theater directing at the Academy of Performing Arts, leaving my life in Berlin behind, and felt lonely but thirsty for knowledge. I interacted, shyly at first, then more and more naturally, with other feminists and felt honored when they replied or shared my posts. This form of politics corresponded with my offline life. I wrote zines, attended feminist events, and ran into the people from my feed at demonstrations.
In The Twittering Machine, a 2019 treatise on the significance of writing in platform capitalism, Richard Seymour describes this early promise of social media as the hope that the written word could wield political power: spontaneous, low-threshold, seemingly independent of institutions. It was assumed that the democratization of writing would be good for democracy itself.
Jenifer Becker, an author who is no longer active on any of the platforms, has fond memories of the 2010s, when she found debates on Facebook, for example about post-feminism, enriching. “I posted and found it interesting to exchange ideas on the topic.” Networking with like-minded people on the platform was easy, and the circles were manageable.
Platforms also became relevant for me in terms of the response to my artistic work. Inspired by my studies, where you were somehow allowed to do anything, I wrote songs that I accompanied on my old acoustic guitar. I posted them on YouTube and shared the link on Twitter. I sang about our queer-feminist community and mocked patriarchal structures. Each video had a different persona, sometimes with a vulva stencil in the background, sometimes with a painted beard. Without the platforms, no one would have seen these videos. I called myself the singer-songwriter Herrmann Herman (“The manliest name in the world!”).
In my shared apartment in Ludwigsburg, where I had since moved, I spent days crafting a giant papier-mâché phallus, which I covered with pink wrapping paper. Herrmann Herman, thanks to his platform fame, was invited to events and began his performances with the sentence “I am Herrmann Herman and this is my penis envy,” pointing to the giant pink phallus. In keeping with my theme, I performed at the opening of the Berlin sex shop Other Nature, at squats, Lad.i.y.-fests, and also at the Berlin Theaterdiscounter’s monologue festival. My presence on the platforms had provided me with performance opportunities—as if by magic.
Seymour argues that while social media can give marginalized groups visibility, it also requires them to constantly produce, maintain, and exploit identities. This work is exhausting and time-consuming.
After a few months, I didn’t want to do it anymore, because the character Herrmann Herman seemed to somehow contradict my emerging trans identity. Lost in confusing platform debates, it seemed impossible to me to be trans male and do drag, which satirizes masculinity, at the same time. Producing your own identity, making it readable and thus exploitable for others, not only costs time and energy, but sometimes this work is simply not (yet) possible, or you yourself don’t want to do it.
I filed Herrmann Herman away, but kept my presence on the platform for the time being.
At first, I found it exciting. It was thrilling to know what others didn’t know yet. It was a pleasure to get information that would only be picked up by the news agencies days later, if at all. I felt like I was part of an avant-garde, always better informed and therefore naturally wiser than everyone else. It felt powerful, superior.
The platforms themselves are designed in such a way that the user experience suggests a power that we do not have. You feel like a creator. The marketing message of the platforms and our devices promises that they will be at our service. Users feel impactful, but in reality we are caught up in a system of reward and punishment. Likes, reactions, etc. work like winnings on a slot machine; the smartphone becomes a “slot machine in your pocket,” as former Google employee Tristan Harris described the phenomenon back in 2016.
These mechanisms and their effects on human health have long been documented: platforms are addictive, fragmenting attention and social relationships. They make us unhappy, lonely, addicted, and sick.
For Alyssa Fenner, who founded the ZoraLit agency in 2025 together with Zoë Martin, Katharina Holzmann, Sabina Everts, and Laura Weber, the impact of platforms on mental health is fortunately not an acute problem. Although she is also active as a book blogger in her spare time, her marketing work for the agency is not designed to generate reach every day. “That’s not what ZoraLit is about,” she says in an interview. This allows her to draw clear boundaries between her free time and her marketing work. ZoraLit operates on a cooperative principle and offers networking, education, mediation, and infrastructure for literary creators.
Readers want to find out about a publisher or agency’s profile on platforms and read between the lines: Who follows whom, who interacts with whom? For this reason, a simple web presence is not enough for these companies. According to Fenner, a profile on the platform (in ZoraLit’s case, Instagram) can help build trust and sharpen one’s image. The cooperative does not use social media for its own growth, but to represent its work.
Part I of II. The text was written for Jenifer Becker’s seminar “Betriebssystem Literatur”, Universität für Angewandte Kunst Wien. Thanks to Jenifer Becker and Alyssa Fenner for the interviews.
Last week, my report on the situation of sex workers in the Berlin housing market was published in Analyse und Kritik. It’s behind a paywall, but it’s worth buying the newspaper or subscribing right away!
I also listened to a podcast in which host Matt Bernstein and author June interview former MAGA influencer and anti-transgender activist Ashley St Clair about her change of heart. My 2024 play “Ich bin das Walross” referenced the transphobic children’s book “Elephants are not Birds,” which she published in 2021, and she was one of the inspirations for the character Janine. She repeatedly apologizes for this and wants to take responsibility for the damage she has caused. Because of this direct reference to my work, the podcast really upset me. Do you feel the same way?
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