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Die Mühlräder der Zeit, sie mahlen GNTM 2024 - E1

Willkommen, die erste Episode ist geschafft, der Genderwahn macht vor Prosieben nicht halt, die Debatte ist angestoßen, schaltet ein und diskutiert mit, was ist männlich, was ist weiblich, wir wissen es nicht, aber eine weiß es und das ist Heidi Klum und sie wird uns die Hand halten, wenn wir zögern, die Menschheit binär in zwei Gruppen zu unterteilen, sie zögert nicht, sondern schreitet voran. Es begann in einem Flugzeug aber dann kam auch schnell die erste Debatte auf und sie ging so


HEIDI KLUM DEN WUNSCH NACH MÄNNLICHEN MODELS HATTE ICH SCHON LANGE, ABER IRGENDWIE WAR NIE DER RICHTIGE ZEITPUNKT

LIZI SOFESO DER SPRUCH "DENN ES KANN NUR EINE GERMANY'S NEXT TOPMODEL WERDEN" STIMMT JA NICHT MEHR GANZ... WIR WERDEN EINE SIEGERIN UND EINEN SIEGER KÜREN

HEIDI KLUM JA, ABER DESWEGEN KANN ICH IMMER NOCH SAGEN: "NUR EINE KANN GERMANY'S NEXT TOPMODEL WERDEN" UND DANN, WENN DIE MÄNNER VOR MIR STEHEN, KANN ICH SAGEN: "NUR EINER WIRD GERMANY'S NEXT TOPMODEL WERDEN" UND DAS GAB ES NOCH NIE ZUVOR, ZUM ALLERERSTEN MAL WIRD MAN EINEN MANN AUF DER DEUTSCHEN HARPER'S BAZAAR SEHEN UND DAS IST EIN MEGA FORTSCHRITT AUCH ICH FINDE DAS SUPER TOLL

KERSTIN SCHNEIDER (HARPER’S BAZAAR) ICH GLAUBE AUCH ES WIRD EINE RIESEN ÜBERRASCHUNG FÜR UNSERE LESERINNEN ÄHM EIN MÄNNLICHES MODEL ZU SEHEN ALSO WIR WERDEN JA BEIDE COVER AM KIOSK HABEN SOWOHL WEIBLICH ALS AUCH MÄNNLICH

HEIDI KLUM UND DA FREUE ICH MICH SUPER DRAUF


Wir verstehen: Es wird nicht nur eine oder einen geben, sondern zwei. Ein Mann und eine Frau. Es heißt schließlich schon in der Bibel: Adam und Eve, nicht Adam und Steve.

Erstmals dürfen sich Männer offiziell bewerben und das haben sie auch getan. Wir unterscheiden an dieser Stelle nicht zwischen cis und trans, da wir nicht wissen, wer von den Teilnehmern das ist und auch wenn trans Männer theoretisch heimlich seit Jahren bei den Frauen zum Casting antreten konnten, so ist uns aktuell kein geouteter trans Mann bekannt, der dies getan hat.


Keine Staffel GNTM kommt ohne misogyne Berichterstattung aus und so bespricht die Modejournalistin Diana Weis im Deutschlandfunk mit einem Verweis auf feministische Theorie: "Femininität ist eine Strategie, um Erfolg zu haben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft und dass diese Strategien zunehmend von jungen Männern genutzt werden, weil das eben Dinge sind, die halt in der Netzwelt und auch im Fashionbusiness gut funktionieren."

Darum machen nun auch Männer mit, sie wollen also mithilfe von Femininität ihren Status heben und in eine Frauendomäne vordringen.
Ob sie dies (falsch?) zitiert hat, ob es ihrer eigenen Analyse entspricht, beides wissen wir nicht, doch was wir wissen ist, diese Aussage ist nicht nur Swerf-Terf-Ideologie in Diamantqualität, sondern auch falsch. Denn der Status keines Mannes hebt sich, wenn er feminin(er) wird. Femininität wird nicht belohnt, sondern bestraft. Was kommen denn in dieser Logik als nächstes für Aussagen - 
„Frauen, die Lippenstift tragen, biedern sich den™ Männern an“ ? 
„Trans Männer wollen nur transitionieren, um endlich keinen Sexismus mehr erleben zu müssen“ ? 
„Sexarbeiter_innen verkaufen nicht bloß ihre sondern die Würde aller Frauen ans Patriarchat“ ?
 
 How many roads must a genderfluid trans man walk down, before wir diese Diskussionen zu den Akten legen können?

Schrieb doch Larry Mitchel 1977 bereits in The Faggots & Their Friends Between Revolutions: There is more to be learned from wearing a dress for a day, than there is from wearing a suit for a lifetime.



Den eigenen Status mit Femininität heben geht nur, wenn die Femininität an einem Körper existiert, über den ich_mensch verfügen kann. Das heißt, eine Modelagentur oder ein Modeunternehmen kann mit den feminisierten Personen, über die sie verfügen, den eigenen Status heben. Ein Model selbst kann es nicht, es_er_sie_they braucht dafür einen Facilitator, also eine SoMe-Präsenz, oder eine Agentur, oder GNTM, oder alles zusammen.

In Wirklichkeit ist es ja so: Das Bemerkenswerte an der Teilnahme von Männern ist ja, dass ihr gesellschaftlicher Status so gering ist, dass es Entertainmentwert hat, wenn sie objektifiziert und erniedrigt werden. Dabei spielt Femininität durchaus eine Rolle, aber anders, als Diana Weis es vermutet. Die Teilnahme an GNTM feminisiert, da man, egal wie masc und cis und muskulös und dies und das man ist, zur Fläche wird. Eine Fläche, die betrachtet werden kann und soll, auf die projiziert werden kann und soll, die beurteilt, bewertet, geformt werden kann und soll. Das ist es, was Femininität im Patriarchat bedeutet. Zugleich sind viele der Bewerber queer, thematisieren die eigene Femininität, sind rassifiziert, migrantisiert, usw. Marginalisierte Männlichkeit ist im Patriarchat feminin kodiert. Es sind größtenteils Gen-Z- und ein paar Millennial-Männer, die uns vorgestellt werden. Diesen Genereationen wird die Verweichlichung, Verdorbenheit ihrer Männlichkeit seit langem vorgeworfen. Sie sind Soy-Boys, wollen maximal in Teilzeit arbeiten, möchten keine klassischen Geschlechterrollen erfüllen, sind alle LGBTQIA* usw.

Ist also der Status von Männlichkeit generell gesunken? Naja. Männlichkeit im Sinne von Andrew Tate, die Pumpen und Pimpen verlangt, wird uns in der ersten Episode nicht präsentiert. Ebensowenig die Männlichkeit des CEOs, in Form von unantastbaren Anzugträgern, deren Körperlichkeit (bisher) nicht verwertbar gemacht und somit feminisiert werden konnte, oder die Männlichkeit der Teilnehmenden der verstörenden neuen RTL-Sendung Alone, von denen gleich mehrere bei der Feuerwehr arbeiten und mindestens einer bei der Bundeswehr.

Vielleicht so rum: Das gesellschaftliche Interesse an queerer Männlichkeit und an nicht-cis-weiblichen Projektions- und Werbeflächen ist gestiegen, genauso wie deren Lesbarkeit (im Sinne von dekodieren der Codes). Diese werden also von ProSieben als verwertbar erkannt und dementsprechend in die Sendung geladen.



Warum aber nehmen diese Männer daran Teil?

Auch für sie erscheint der Preis der sicheren Erniedrigung ein geringer, wenn sie dafür die Möglichkeit zum finanziellen und sozialen Aufstieg erhalten. Die Karriereoption ist hierbei natürlich nicht Model, wie der Name GNTM verspricht, sondern Influencer_in. Die Teilnahme bei GNTM wird ihnen, unabhängig von Geschlecht, dies vereinfachen oder ihre bereits bestehende Reichweite vergrößern.

Ebenso wie die teilnehmenden Frauen, sind sie Glücksritter, die auf dem sonstigen Arbeitsmarkt keine vergleichbare Perspektiven sehen. Der Mensch als Individuum ist auch innerhalb Deutschlands wenig wert, wenn auch etwas mehr als er es an den Landesgrenzen ist.

Ihre Leben sind öde, sie wollen reich und schön sein und berühmt werden. Sind das ihre Wünsche oder unsere, wenn wir ihnen dabei zusehen?

Aus anderen Serien bereits bekannte Persönlichkeiten kommen zum Casting und das macht ein heimeliges Gefühl, wie wenn bei den Sims ein Sim aus einem anderen Haushalt an deinem Haus vorbeigeht und dein Sim mit ihnen überm Gartenzaun zu plaudern beginnt. Beispielsweise: Pitzi, aus Prince Charming. 


PITZI HI HEIDI HAHA

HEIDI KLUM HI JETZT BIN ICH MAL GESPANNT WAS DU MACHST

PITZI ICH BIN PITZI ICH BIN 33 JAHRE ALT UND

HEIDI KLUM HE SACH NOCH MAL IST DAS P.C.?

PITZI PITZI

HEIDI KLUM PITZI?

PITZI P-I-T-Z-I

HEIDI KLUM UND DAS IST DEIN NAME DAS IST EIN KOSE-

PITZI DAS IST MEIN KÜNSTLERNAME ICH BIN-

HEIDI KLUM KÜNSTLERNAME


Heidi kennt Pitzi nicht, aber Pitzi lehnt sich dennoch über den Sims-Gartenzaun von GNTM und spricht über sein Business, das darin besteht, dass er Haarsysteme an Menschen mit Haarausfall verkauft. Wir denken, seine Zielgruppe sind Männer und seine Haare sehen wirklich toll aus, auch wenn es sich nach der Überschreitung einer (unserer?) Schamesgrenze anfühlt, dass er so offen über Haarausfall und fake hair redet. Aber das ist queer, das ist hier, das ist all that you fear: Aus Scheiße Gold machen. Unser_e Mitbewohner_in sagt, Pitzi ist richtig scheiße gewesen bei Prince Charming und da kommen wir zu einem weiteren Thema, das immer wichtiger wird, je länger GNTM und das Zeitalter des Wassermanns voranschreiten.

Wen sehen wir?

Sind es Schauspieler_innen? Sind es Privatpersonen? Sind es Performer_innen? Als Reality-Darsteller_innen haben sie keine Gewalt darüber, wie das, was sie sagen und tun, zusammengeschnitten wird. Aus ihnen kann Engel oder Teufel werden. Darum gibt’s ja auch den RuPaul-Song Blame it on the edit. Viele Darsteller_innen versuchen, die für sie vorgesehene Rolle mitzuspielen, um die Dramaturgie der jeweiligen Sendung zu füttern; andere setzen sich dagegen zur Wehr und versuchen, alternative Narrative anzubieten. Letzten Endes erhält Airtime, wer interessant erscheint.

Zugleich bestimmen fast alle Reality-Performer_innen als Socialmedia-Persönlichkeiten selbst über das, was sie der Welt zeigen. Das Publikum kann sich also eine zweite Meinung über seine Stars einholen, und zwar die Meinung der Stars selbst.

Gerade queere Reality-Darsteller_innen halten als Identifikationsfiguren, als Archetypen her. In dieser Rolle ist es den Konsument_innen sehr wichtig, ihren moralischen Status herauszufinden um eigene Konflikte daran verhandeln zu können. Demnach ist möglicherweise selbst moralisch verwerflich, wer sich mit einer moralisch verwerflichen Figur identifiziert. 
Ist Pitzi also scheiße, oder spielt er die Rolle eines Menschen, der scheiße ist? Wurde er scheiße geschnitten? Ist seine Rolle, die er in den Reality-Sendungen verkörpert, scheiße? Ist er jemand anders als diese Rolle? 


Die Frage bleibt ungeklärt und so leben wir in einer Realität, die zahlreiche Realitäten beherbergt, inklusive einer nächsten Episode, unermüdlich werden neue Episoden hergestellt, die Mühlräder der Zeit, sie mahlen, es kommt schon Episode 2, die unhöflicherweise veröffentlicht wurde, bevor wir Gelegenheit hatten, diesen Text fertig zu stellen.

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